Die Arbeitsweise des Lektors

Unter Lektoren gibt es verschiedene Typen. Geben Sie einen Roman ins Lektorat, wird bei jedem Lektor ein anderes Ergebnis rauskommen. Nehmen wir mal folgenden Satz:

„Nach einer nicht ganz unerheblichen Weile hatte der Vampir den Entschluss erfasst, die Tür, vor der er stand, nichtsdestotrotz ein Stück zu bewegen, sodass er den Schatz im Inneren der Tür ausmachen konnte.“

Im Folgenden finden Sie sieben Versionen, was Lektoren daraus machen können, und zwar geordnet von wenigen bis vielen Korrekturen. Natürlich gibt es in der Praxis noch mehr Arten von Lektoren bzw. Lektoraten.

1. Der Korrektor-Lektor: Anpassung an die Regeln der deutschen Sprache

Der eine Lektor ist minimalistisch und macht aus dem obigen Satz:

„Nach einer nicht ganz unerheblichen Weile hatte der Dämon den Entschluss gefasst, die Tür, vor der er stand, nichtsdestotrotz ein Stück zu bewegen, sodass er den Schatz im Inneren des Raumes ausmachen konnte.“

Die Änderungen sind hier: „erfasst“ > „gefasst“,  „Innere der Tür“ > „Innere des Raumes“. Der Lektor hat also nur korrigiert, was zwingend nötig war, damit der Satz im Einklang mit den Regeln der deutschen Sprache ist (und mit der sachlichen Logik).

2. Der moderate Kürzungslektor: Streichen von Füllwörtern und Kürzen von Satzteilen

Lektor Nummer zwei traut sich schon mehr. Er mag Füllwörter nicht, ebenso keine allzu langatmigen und umständlichen Formulierungen. Prinzipiell teilt er die Meinungen gewisser Schreibratgeber. Also macht er daraus:

„Nach einer langen Weile hatte der Dämon den Entschluss gefasst, die Tür, vor der er stand, ein Stück zu bewegen, sodass er den Schatz im Inneren des Raumes ausmachen konnte.“

3. Der konsequentere Kürzungslektor: Streichen von weiterem Ballast im Satz

Lektor Nummer drei ist wie Lektor zwei, nur noch konsequenter, was die Prinzipien des schlanken Stils betrifft. Er schaut, wo sonst noch Satzteile sind, die man einfach streichen könnte:

„Nach einer langen Weile fasste der Dämon den Entschluss, die Tür, vor der er stand, ein Stück zu bewegen, sodass er den Schatz im Raum ausmachen konnte.“

4. Der Verben-Lektor: Schwache Verben durch starke Verben ersetzen

Lektor Nummer vier ist sogar noch konsequenter. Er mag keine Modalverben, auch kein Passiv, kein „war“ und „hatte“ und keine Nominalkonstruktionen. Er mag einfache, unkomplizierte Verben, also wird daraus:

„Nach einer langen Weile beschloss der Dämon, die Tür, vor der er stand, zu öffnen, sodass er den Schatz im Raum sah.“

5. Der radikale Kürzungslektor: So schlank wie möglich

Der fünfte Textprofi meint, das alles geht noch schlanker:

„Nach einer Weile beschloss der Dämon, die Tür vor seiner Nase zu öffnen, so dass er den Schatz im Raum sah.“

6. Der Spannungslektor: Spannung erhöhen

Der sechste Textprofi stößt sich noch an der „lahmen Darstellung“. Er stimmt den Ratgebern fürs kreative Schreiben zu, dass man szenisch schreiben solle, am besten noch mit Spannungsbogen:

„Grübelnd stand der Dämon vor der Tür. Schließlich gab er sich einen Ruck und stieß die Tür mit dem Fuß auf. Im Raum erblickte er einen Schatz.“

Oder sogar so:

„Grübelnd stand der Dämon vor der Tür. Er knibbelte am Knauf seines Schwertes herum, sein Mund war trocken, sein Herz schlug fester.  Was erwartete ihn dort drin? Ein Teufel? Ein Drache? Schließlich gab er sich einen Ruck und stieß die Tür mit dem Fuß auf. Im Raum erblickte er einen Schatz.“

7. Der kreative Lektor: den Text ausschmücken

Der siebte Textdienstleister gehört zu der Sorte, die einen Text nicht nur fehlerfrei und flüssig, sondern auch „schön“, „sinnlich“ und „atmosphärisch“ machen will. Er nimmt sich kreative Freiheiten, schmückt aus und ersetzt abstrakte Ausdrücke durch konkrete. Er erfindet wie der Spannungslektor etwas dazu, allerdings auf andere Weise:

„Grübelnd stand der Dämon an der Höllenpforte. Wie ein Drachenmaul erhob diese sich vor ihm. Schließlich gab er sich einen Ruck und stieß das blutbeschmierte Eichenholz mit dem Stiefel auf. Vor ihm ragte ein Berg aus Goldmünzen empor, aus dem Kronen und Silberkelche herauslugten.

Dieser Textprofi war also auf andere Weise kreativ. Es wäre durchaus möglich, aus Version sechs und Version sieben eine Kombi-Lösung für das Manuskript zu finden.

Ein Text, sieben Lektorate

Wie Sie sehen, kann ein Lektor oder eine Lektorin einen Satz nicht nur „kleinhacken“, sondern auch ausschmücken. Das sechste und siebte Lektoratsergebnis sind  sogar etwas länger als das Original – aber auch am weitesten davon weg. Hier haben die Lektoren eine Interpretationsleistung erbracht.

Welches Lektorat ist das beste?

Auf jeden Fall hat sich der siebte Kandidat am meisten Mühe gegeben, am meisten Denk- und Kreativarbeit geleistet. Auch der sechste Lektor hat sich bereits angestrengt (seine zweite Version hat etwa so viel Kreativleistung wie die siebte). Dafür ist bei den anderen fünf Lektoren das Original noch mehr oder weniger erkennbar. Es gibt Autoren, denen das wichtig ist, und Autoren, denen das weniger wichtig ist.

Es kommt darauf an, was ein Autor oder ein Verlag haben will und was der Roman hergibt. Insgesamt haben Lektoren die Tendenz, komplizierte Sätze zu vereinfachen und nicht einfache Sätze zu verkomplizieren. So wird aus einem Satz wie in Version fünf wahrscheinlich nie ein Satz der Version zwei werden. Wiederum gilt vermutlich auch: Lektoren neigen mehr zum „Kleinhacken“ statt zur Erbringung wirklich kreativer Eigenleistungen (die auch ihre Zeit kosten).

Es sei noch gesagt, dass ein Lektor normalerweise nicht das komplette Manuskript umschreibt, auch ein Lektor des Typs 6 und 7 nicht. Nur an großen Schwachstellen wird der Text intensiver umgeschrieben. – Ach ja, und dann gibt es Lektoren, welche die größten Schwachstellen dem Autor  überlassen, also nur einen Kommentar hinzufügen, warum diese Textstelle nicht funktioniert. Bei manchen Problemen ist dies auch ratsam.

Wie wir mein Text lektoriert?

Welche Art Lektorat ein Lektor durchführt, hängt ab von:

  • der persönlichen Arbeitsweise des Lektors
  • den kommunizierten Wünschen des Autors
  • der Qualität des Manuskripts

Allgemein gilt: Je fehlerhafter das Manuskript ist, desto mehr wird der Lektor damit beschäftigt sein, sich mit solchen Dingen wie „Entschluss erfassen“ > „Entschluss fassen“ auseinanderzusetzen statt mit den „ästhetischen“ Aspekten eines Textes. Das Gleiche gilt für die „Farbigkeit“ eines Textes. Wenn der Autor viel mit blassen Begriffen wie „Tür“, „Wand“ und „Tisch“ arbeitet, wird der Lektor den Text oft nur ein Level höher auf der Farbigkeitsstufe bringen (es sei denn, das Honorar ist entsprechend hoch).

Bei den obigen sieben Lektorat-Beispielen lässt sich nicht klar sagen, welche Version des Satzes die beste ist. Es hängt von den Intentionen des Autors ab und welche Zielgruppe er ansprechen möchte. Persönlich bin ich mehr eine Anhängerin des schlanken, farbigen Stils und gebe auch Anregungen für Spannung und kreative Darstellung. Ich kann mich aber auch minimalistisch halten. Oft spürt man bei einem Buch, welches Stilniveau passend ist. Manchmal passt „Tür“ eben besser als „Pforte“, „Portal“ etc. Alle sieben Beispiele oben zeigen, was ich prinzipiell aus einem Satz bzw. Text machen kann. Und es gäbe noch weitere Möglichkeiten.

Wenn Sie möchten, dass ich Ihren Text lektoriere, schreiben Sie mir bitte eine Mail an:

professionelles-lektorat[at]t-online.de

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