Was macht ein gutes Lektorat aus? – Teil 2

Bereits im letzten Blogbeitrag habe ich einige Punkte aufgelistet, die aus meiner Sicht ein gutes Lektorat ausmachen. Der Fokus lag auf Stil und Rechtschreibung. In diesem Artikel soll es mehr um das Roman-Lektorat bzw. um die Textarbeit am Inhalt des Manuskripts gehen.

Ein guter Lektor versucht den Autor zu verstehen

Bevor ein guter Lektor „versteh ich nicht“ sagt, sollte er ernsthaft versuchen, den Autor zu verstehen. Er sollte also versuchen zu ergründen: Was will der Autor eigentlich sagen? Was war seine Intention? Was wollte er dem Leser mitteilen? – Und das unterscheidet einen guten Lektor von einem Testleser aus dem Freundeskreis und manchen Rezensenten, die sich in die Kissen zurücklehnen und einfach „versteh ich nicht“ sagen. Nach dem Motto: „Es ist Aufgabe des Autors, dafür zu sorgen, dass der Leser den Text versteht.“

Ein Lektor sollte beim Verstehen des Autors mehr Mühe an den Tag legen. Dabei wird auch ein Lektor immer wieder danebenliegen, denn es liegt in der Natur vieler unlektorierter Texte, dass sie vielfach interpretierbar sind. Als Lektorin mache ich hier bisweilen mehrere Lektoratsvorschläge.

Beispiel: Satz im Manuskript (unlektoriert):

„Die Armee des Helden hatte die feindlichen Heere vernichtend geschlagen.“

Das Beispiel ist hier fiktiv und aus seinem fiktiven Kontext herausgerissen (aus einem Fantasyroman, in dem es Orkkriege, Zwergenkriege und Trollkriege gibt). Aufgrund eines mehrdeutigen Kontextes in diesem Fantasyroman stelle ich mir als Lektorin beispielsweise schon mal Fragen wie:

  • Liegt hier nur ein Rechtschreibfehler vor und es müsste „feindliches Heer“ heißen?
  • Um welche Heere / um welches Heer geht es genau? Welches der drei Fantasyvölker wurde hier besiegt?
  • Zwei Seiten später steht, dass die Helden noch hartnäckig gegen einen Teiltrupp des Heeres kämpfen. Ist das nicht ein Widerspruch zu „vernichtend geschlagen“?

All das sind keine Stilfragen, sondern diese Punkte betreffen  die Story des Manuskripts. Manchmal ergibt sich die Lösung aus dem näheren oder weiteren Kontext und der Lektor macht daraus z. B. einfach:

„Die Armee des Helden hatte das Heer der Zwerge vernichtend geschlagen.“

Lektorat bedeutet oft Vorschläge statt einzig richtige Lösungen präsentieren

Es gibt aber auch Manuskripte, da wird aus dem Kontext nicht eindeutig klar, welche Lösung die richtige ist, ob nun Zwerge, Trolle oder Orks besiegt wurden. In so einem Fall kann ein Lektor diese Fragen nur an den Autor weitergeben oder einen Lektoratsvorschlag „mit Vorsicht“ machen.

Ich vermute mal, ein weniger professioneller Lektor würde den obigen Satz einfach als „einwandfrei“ abhaken und weiterarbeiten – umso mehr, wenn es in all dem Schlachtgetümmel nur wie ein langweiliges Detail erscheint. Aus meiner Sicht ist ein gutes Manuskript aber eines, das auch in solchen Details eindeutig ist. Von „höherer Literatur“ und Gedichten, die bewusst vage sein wollen, rede ich jetzt nicht. Aber auch in diesen Fällen ist nicht jede Mehrdeutigkeit gewünscht. Selbst für „höhere Literatur“ gilt:

Ob die Rose hier das Sinnbild für ewige Liebe oder für vergängliche Liebe ist, kann mehrdeutig bleiben. Ob hingegen der Vater oder der Sohn die Rose aufs Grab der Mutter legt, sollte man dem Leser in der Regel nicht vorenthalten.

Die Motivation der Figuren ergründen – der Lektor auf der Suche

Manche Figuren in Romanen suchen einen Flughafen auf, werden dort in einen Terroranschlag verwickelt und in diverse Folgeaktionen mit Agenten und Verschwörungen verstrickt. Nur: Nie hat der Autor mit einem einzigen Wort erwähnt, was diese Figur ursprünglich am Flughafen wollte. Warum kam sie am heutigen Tag überhaupt hierher? Wohin wollte sie fliegen? Nach Amerika? – Ach ja, und warum? Mit dem Land allein ist zwar das Landesziel, aber noch nicht das eigentliche Ziel der Figur, die Motivation, geklärt.

Ein professioneller Lektor achtet nicht nur darauf, dass die „großen“ Ereignisse des Romans logisch sind, sondern auch darauf, ob Details bei Figuren eine plausible Motivation haben – und das beginnt schon beim Heben eines Arms. Selbst da wird bei einem professionellen Lektorat schon mal die Frage aufgeworfen: Warum hat die Figur den Arm gerade gehoben? Was hat sie dazu veranlasst oder was bezweckt sie damit? Solche Aktionen stehen manchmal ohne Sinn im Text oder der Sinn ist nur schwer erfassbar. Hier kann es der Lektor dem Leser leichter machen, indem er für Eindeutigkeit sorgt, z. B.: „Er hob die Hand, um die Fliege zu verscheuchen, die ihn schon die ganze Zeit belästigte.“ Oder: „Er hob die Hand zum Gruß.“ – Je nach Kontext des Romans.

Prüfen, ob die Protagonisten wirklich gute Gründe für ihre Handlungen haben

Bei guten Romanen ist auch das Fundament von Figurenmotivationen solide. Ein weniger gutes Fundament sieht hingegen so aus:

„Die Terroristen verüben einen Anschlag auf den Flughafen, weil sie wütend auf den amerikanischen Präsidenten sind.“

Bei einem besseren Roman nimmt man nicht vage Wut aus Ursache, sondern einen konkreten Anlass, z. B. könnte der Präsident soeben einen Krieg in ihrem Heimatland ausgelöst haben.

Ein professioneller Lektor hinterfragt auch explizit genannte Gründe der Figuren. Wir alle kennen Ausreden und auch Autoren nutzen sie im Roman. Manuskripte enthalten immer wieder luftige Rechtfertigungen, die einem richtigen Erdbeben nicht standhalten: Ist der Kommissar wirklich wochenlang arbeitsunfähig, wenn das Internet von seinem Bürocomputer nicht funktioniert? Noch nix von öffentlichen PCs, Freundes- und Kollegencomputern gehört? Und muss ein Fantasyheld, der Magie beherrscht, sich wirklich ergeben, nur weil er sein Schwert verloren hat?

In Lektorat werden solche Gründe einer genaueren Prüfung unterzogen. Wobei gilt: Was glaubwürdig ist und was nicht, da sind Leser schon mal verschiedener Meinung. Bei Büchern von Verlagen kann man immer wieder beobachten, wie einige Leser die Story als nicht glaubwürdig einstufen, während andere sie gut aufnehmen. Es gibt aber auch genügend eindeutige Fälle.

Der Lektor als Ideengeber, Rechtfertiger und Lückenfüller

Je unglaubwürdiger eine Figurenreaktion erscheint, desto besser sollte der Autor sie erklären – und wenn er es „vergessen“ hat, dann eben der Lektor.

Beispiel (Manuskript, unlektoriert):

„Wenngleich neben seinem Haus ein Supermarkt lag, ging er heute zu dem Nobelmarkt, der sich fünf Kilometer entfernt befand.“

Meist schreiben Autoren so etwas, weil sie die Figur aus Storygründen woanders hinbugsieren wollen. Wahrscheinlich kann der Held des Romans nur dort über die wohlbetuchte Frau seines Lebens stolpern o. ä. Ein guter Lektor wird aber fragen, was die Figur zu diesem Supermarktwechsel motiviert – und hier nicht esoterische Flicken wie „einer inneren Eingebung folgend“ zulassen (Ausnahme: die Figur ist nachweislich der Esoterik zugetan).

Ein professioneller Lektor gibt dem Autor zumindest ein paar Anregungen für mögliche Gründe der Figur. Diese Gründe können einmal „innere Motivationen“ und einmal „äußere Zwänge“ sein. Ist eine Roman-Figur intrinsisch motiviert, so besucht sie den Nobelmarkt zum Beispiel aus Neugier, wie es in den Geschäften für die Reicheren so aussieht – und diese Neugier wiederum ist entstanden, weil sie vor Kurzem eine TV-Reportage über das heimliche Klassensystem in Deutschland gesehen hat. Man kann aber auch banale äußere Zwänge anführen, etwa hat der Supermarkt vor dem Haus gerade geschlossen, weil der Inventur gemacht wird, die Stromversorgung ausgefallen ist oder ein Brand stattgefunden hat.

Bei einem Lektorat mache ich in solchen Fällen, wo die Motivation oder der Grund fehlt, häufig Vorschläge dieser Art, meist in knapperer Stichpunktform oder ich formuliere eine von mehreren möglichen Lösungen im Text aus. Letztlich entscheidet aber der Autor, welche Lösung er annimmt – das kann auch eine ganz neue sein. Wichtig ist beim Lektorat vor allem, dass dem Autor deutlich wird, wo man noch nacharbeiten sollte.

Unklarheiten im Setting beseitigen – wie im Lektorat Rätsel gelöst werden

Der Autor sieht die Szene seines Romans oft klar vor Augen, wie einen Film. Geradezu banal erscheint es manchem Autor zu schreiben: „Sie öffnete die Tür und ging nach draußen.“ Oder: „In diesem Moment kam die Kriminalbeamtin hinzu.“ Oder: „Er drehte sich um und erblickte einen Polizisten, der auf ihn zuschritt.“

In einigen Manuskripten fehlen solche Zwischensätze und Überleitungen aber immer wieder, was es dem Leser schwieriger macht, dem Geschehen der Szene zu folgen. Das sorgt für Verwirrung oder macht einen Roman zumindest unnötig anspruchsvoll. Wie schon oben geschrieben: Man will als Leser vielleicht darüber nachdenken, ob die Rose ein Sinnbild für ewige oder vergängliche Liebe ist. Aber möchten Sie als Leser durch die Interpretation vager Indizien „austüfteln“ müssen, ob die Figur noch im Wirtshaus steht oder schon draußen ist? Wohl nicht. Diesen Service sollte der Schreiber schon bieten.

Den Autor aufmerksam machen

Ein aufmerksamer Lektor wird über diese Unklarheiten nicht einfach hinwegsehen. Er wird sie entweder beseitigen oder – falls das nicht möglich ist oder einen zu großen Eingriff in den Text bedeuten würde – er macht den Autor zumindest darauf aufmerksam.

Natürlich können auch einem aufmerksamen Lektor unklar beschriebene Settings als ausreichend klar erscheinen – und umgekehrt: Wo 80 Prozent der Leser keine Probleme hätten, da ist gerade der Lektor begriffsstutzig. Jeder Mensch hat andere Lesegewohnheiten, auch jeder Lektor, und das schlägt sich in der Arbeitsweise nieder. Dennoch gehören zu einem guten Lektorat auch Anmerkungen zum Setting, sofern hier Mehrdeutigkeiten bestehen.

Zusammenfassung und Unterschied Lektorat – Autorencoaching

Man könnte den Artikel auch so zusammenfassen: Ein guter Lektor macht sich viele Gedanken zum Text und stöbert auch nach den vielen Teufeln in den inhaltlichen Details.  Das Grundgerüst des Romans insgesamt wird dagegen mehr beim Autorencoaching oder bei einer Manuskriptbeurteilung geprüft.  Zwar ist dies auch Aufgabe des Lektorats, aber ein Roman, der vom Verlag oder vom Autor persönlich bei einem freiberuflichen Lektor vorgelegt wird, soll in der Regel nicht mehr in seinen Grundfesten verändert werden, sondern es geht um den Feinschliff. Ein Lektorat des Manuskripts ist eher eine Leistung für Verlage und Autoren, die der Ansicht sind, dass das Werk so „im Großen und Ganzen“ fertig ist. Das Basteln am Grundkonzept der Story und entsprechende Beratung hierzu zählen mehr in den Bereich des Autorencoachings bzw. Autorentrainings oder auch „kreatives Schreiben lernen“ genannt.

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